Danke für die Armen und für die Unternehmer

Zum 14. März  jährt sich der 4. Todestag von Chiara Lubich, der Initiatorin des Prjektes Wirtschaft in Gemeinschaft 1991. In Erinnerung daran veröffentlichen wir einen an sie gerichteten, offenen Brief von Luigino Bruni, veröffentlicht in der Zeitschrift Città Nuova vom 25. März 2008.

 von Luigino Bruni

Chiara_Lubich_3_rid_sxLiebe Chiara, vor allen Dingen Danke im Namen der Bedürftigen, der Unternehmer, aller Akteure der gesamten Wirtschaft in Gemeinschaft: Mit Deiner Intuition von 1991 hast Du uns allen einen neuen Weg zum Glück, zu Freiheit und Gerechtigkeit innerhalb des üblichen Wirtschaftsgebarens geschenkt.

Die Wirtschaft ist einer der fruchtbarsten Bereiche Deines Charismas. Ihr hast Du große Aufmerksamkeit geschenkt, Zeit, Energie, Liebe. Du hast eine neue Wirtschaft ins Leben gerufen, angefangen mit den Armen, Deinen Kindern, denen Du in den Favelas von Sao Paolo begegnet bist und die Dich zur Gemeinschaft inspiriert haben, als Weg des Wirtschaftens, als normalen Weg für alle.

Viele Charismen haben im Laufe der Kirchengeschichte Wirkung im Wirtschaftsumfeld gezeigt (Benedikt, Franziskus, Ignatius…), doch Dein Charisma hat nicht nur wichtige Werke der Wirtschaft hervorgebracht, es hat, auch weiterhin, Auswirkungen auf die Wirtschaftstheorie. Wenn wir heute in der Wissenschaftsdebatte auf die Begriffe „relationale Güter“, „Uneigennützigkeit“, „bedingungslose Gegenseitigkeit“, „Gemeinschaft“ usw. stoßen, verdanken wir es Dir. Durch Dein Handeln und Deine Gedanken hast du diese neuen Begriffe inspiriert.

So kann ich Dir sagen, dass ich in meiner Arbeit als Forscher keine einzige originelle Idee gehabt hätte ohne den beständigen Kontakt mit Dir. Du warst immer meine Inspirationsquelle, selbst in der wissenschaftlichen Arbeit im engeren Sinne. Ich war gerade 30, als Du mich in London anriefst und mich fragtest, ob ich nach Rom kommen und Dir dabei helfen möchte, zusammen mit anderen hervorragenden Begleitern, der Wirtschaft in Gemeinschaft ein wissenschaftliches Profil zu geben. In Wirklichkeit habe ich sofort gemerkt, dass dass das Profil weit mehr als nur das Wissenschaftliche betraf, Du hattest schon geprägt, indem Du die WiG auf die Liebe zu den Armen gegründet hast, von der das Evangelium spricht. Diese über zehn Jahre Arbeit mit Dir in der „Schule Abba“ und in der Wirtschaft in Gemeinschaft waren Erfahrungen, die mich am meisten begeistert haben in meinem Leben, intellektuell wie menschlich gesehen, Erfahrungen, die Du mir umsonst geschenkt hast, ohne jedes Verdienst, wahre Geschenke, die einen verändern, weil wir sie weder erwarten noch verdienen.

In diesen Jahren mit Dir haben sich drei Dinge tief in meine Seel eingeprägt. Das erste: Dank Dir habe ich kapiert, was ein Charisma ist, und welche Rolle nicht nur Deines, sondern jedes echte Charisma für die Gesellschaft und die Wirtschaft spielt. Denn ich habe verstanden, dass wo ein Charisma am Werk ist, echte Uneigennützigkeit und echte Freiheit vorherrschen, denn man handelt aus einer inneren Berufung heraus.

Das zweite: Du hast mir durch Dein Vorbild beigebracht, dass man keine einzige echte intellektuelle Erfahrung machen kann, solange die Überlegungen, die man erläutert und über die man schreibt nicht zur Lebensweise desjenigen werden, der sie ausarbeitet und niederschreibt. Von Dir habe ich gelernt: wenn ich zu einer Wirtschaftstheorie der Gemeinschaft beitragen möchte, ist das Allerwichtigste und auch Allerschwierigste, jeden Tag neu zu einem Menschen der Gemeinschaft zu werden, in allen Bereichen meines Lebens. Bei der Arbeit Seite an Seite mit Dir haben ich entdeckt: Man kann nicht über Gabe, Gemeinschaft, Uneigennützigkeit schreiben oder reden, wenn man nicht selbst die Gabe, die Gemeinschaft und die Uneigennützigkeit verkörpert. Durch Dich habe ich verstanden: Das Leben ist größer als jedes Konzept und kommt davor, und nur das Leben rettet wirklich, uns und die anderen.

Und schließlich hast Du mich, Chiara, die wahre Bedeutung von Reichtum und Armut entdecken lassen: dass das wertvollste Gut stets die Beziehung zu Gott und den Mitmenschen ist, die gegenseitige Liebe, Jesus unter uns. Ohne Gegenseitigkeit  in den Beziehungen wird es niemandem gut gehen, wird kein Gut zu Wohlstand, denn selbst wenn es an Gütern mangelt und sie bedroht sind, die gegenseitige Liebe hinterlässt niemals Bedürftige. Nur die Gemeinschaft ist der Weg zum vollkommenen Glück, ein Glück, das sich nur einstellt, wenn man sich selbst vergisst und den anderen schenkt, in der Gegenseitigkeit.

Über genau dieses Glück habe ich in meiner Forschung zu berichten versucht: Aus einem Charisma, seinerseits entstanden aus dem Schrei der Gottverlassenheit Jesu am Kreuz, entwickelt sich jetzt sogar eine relationale Wirtschaftstheorie, die geeignet ist, neue Antworten – einer Wirtschaft der Gemeinschaft - zu erforschen und zu finden. Damit können wir den neuen Armutsverhältnissen von heute und von morgen begegnen, die aus der Isolation und der Bedürftigkeit nach uneigennützigen Beziehungen erwachsen. Darin besteht die Logik der Charismen, wie Du uns aufgezeigt hast; sie sind Geschenke der göttlichen Vorsehung, mit denen das Joch des Lebens leicht wird. Dein Charisma hat uns die Augen geöffnet für die modernen Nöte und für die modernen relationalen Güter, damit wir eine Wirtschaft des Menschen und der Liebe aufbauen, eine unaufdringlich-präsente, marianische Wirtschaft.

Die Arbeit, die wir vor uns haben, ist gewaltig, dass hast Du immer gesagt. Doch der Anfang war großartig und so erhellend,- mir stockte der Atem. Dafür und für alles, was Du für mich warst, für die Ökonomen, für die Unternehmer, für die Arbeiter… und vor allem für die Armen: Danke Chiara!

Città Nuova, N.7/2008 

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