„Dynamik des Gebens“ - Das Fluidum ethischen Wirtschaftens

160 Teilnehmer aus ganz Nordeuropa bei der 4. WiG-Tagung für Unternehmer und Führungskräfte

Impressionen von Cornelia Iken (Berlin), Markus Ressl (Wien), Maja Čalfová (Zagreb) und Sylvia Hamadejová (Budapest)

131025-27 Ottmaring 06 Pubblico ridDie WiG-Tagung vom 24.-27. Oktober 2013 war von wirklich internationaler Größe,- ca. 160 Leute  aus 13 Nationen: Benelux, Frankreich, Irland, D ,A, CH und insbesondere verschiedene Staaten Osteuropas: Polen, Tschechien, Slowakei,  Slowenien, Kroatien, Serbien sowie eine Vertreterin aus Russland. Die Übersetzer am Begegnungszentrum Friedberg-Ottmaring hatten alle Hände voll zu tun, dieses Babel zu überwinden -  zumal in den häufigen und lebhaften Diskussionsbeiträgen zwischen verschiedenen Sprachen.

Vor allem die Präsenz und die Berichte der osteuropäischen Teilnehmer über ihre betrieblichen Aktivitäten im täglichen Kampf gegen die Armut machten klar: Die WiG ist kein Spendenverein für ferne Unbekannte, sondern eine geschwisterlich verbundene Gemeinschaft, in der man sich gegenseitig in der Bedürftigkeit hilft. „Während die Philanthropie von sozialen Hilfswerken und Stiftungen eine gewisse Geldsumme Bedürftigen zukommen lässt, aber die Gesellschaft gewissermaßen gegen Armut immun macht, schließt der Umgangsstil der Gemeinschaft die Bedürftigen ein, umarmt sie und entdeckt ihre Potentiale.“ Dies, so wurde deutlich, soll der Beitrag der WiG zur Verringerung der weltweiten Armut sein.

Ein weiteres Charakteristikum der Tagung in Ottmaring war eine vermehrte Präsenz von 131025-27 Ottmaring 07 Pubblico ridPersonen, die ihre Motivation zum Einsatz für eine Erneuerung der Wirtschaft nicht aus der Fokolare-Spiritualität schöpfen, sondern aus anderen christlichen Ansätzen oder auch aus einer humanistischen Einstellung. Sodann zeichnete sich der Kongress durch die Teilnahme von Vertretern anderer sozial-wirtschaftlicher Initiativen aus, die mit der Wirtschaft in Gemeinschaft vernetzt sind: etwa Karl Schock, Begründer von Opportunity International und Geschäftsführer eines Industrieparks bei Stuttgart oder Christian Röser, Mannheim, Mitbegründer der Starkmacher, einem EU-geförderten Verein, der sich u.a. die Integration von Jugendlichen in die Arbeitswelt zum Ziel gesetzt hat, auch mit europaweiten Projekten.

Geben scheint heute prekär

Dr. Herbert Lauenroth, Mitgastgeber im Begegnungszentrum Ottmaring, hielt ein grandioses Eingangsreferat, zur  philosophisch-kulturellen Einbettung des Tagungsthemas unter den Überschriften „Geber - Gabe – Begabung“: Warum geht es bei der „WiG-Kultur des Gebens“, was zeichnet den Geber aus, und welche kulturgeschichtlichen Ambivalenzen sind mit dem Geber und der Gabe verbunden? Es gehe um ein Geben, das mehr als purer "Tauschhandel" des do ut des ist. Ist ein absichtsloses Geben überhaupt möglich - und sinnvoll? Wie positionieren sich heutige Philosophie und Theologie? Welche Bilder und Parallelen gibt es im Film? Diese Fragen im kulturgeschichtlichen Horizont schufen den Rahmen für den gesamten Kongress und zeigten auf, dass es nicht nur  um "gutgemeinte Einzelaktionen" geht, sondern dass das Engagement im Sinne der WiG sowohl kulturprägend sein kann, aber auch ihren Ort in der vorgefundenen Kultur hat. Der Kontrast dazu fand sich in den sehr praktischen Berichten aus den WiG-nahen Unternehmen. So berichtete Johannes Linke, Inhaber der Schreinerei Webelhaus, Menden/Westf. über sein konkretes Handeln im Betrieb und die Fragen, wie Entscheidungen mit allen getroffen werden, wie regelmäßig Bilanzen den Mitarbeitern offen gelegt, wie viel Prozent des Gewinns an wen gehen, ein Miteinander, wie es konkreter kaum sein kann.

131025-27 Ottmaring 03 Sala ridDie Tagung war einerseits geprägt vom Austausch und der Vertiefung von authentischen Handlungsalternativen als Unternehmer in Workshops: bescheidener Unternehmerlohn, Transparenz bei Finanzen und Geschäftsentwicklung, Partizipation der Mitarbeiter in Entscheidungen und Gewinnverteilung, Einstellung und Entwicklung von weniger „leistungsfähigen“ Mitarbeitern, Unterstützung von „Armen“ auch im Umfeld basierend auf einer wertschätzenden Beziehung. „Entscheidend ist, dass ich sofort mit der Umsetzung des Traums einer geschwisterlichen Welt beginne“, sagte Koen Vanreusel, belgischer Unternehmer (selfmatic, Heizung/Sanitär-Kette) und Mitbegründer des WiG-Gewerbeparks solidar.be in Rootselaar bei Brüssel. „Wenn ich nicht jetzt anfange und meine ersten fünf Euro Gewinn teile, werde ich nie anfangen.“ Die WiG-Prinzipien gäben der unternehmerischen Aktivität Sinn, eröffneten weite Horizonte und zeigten eine tiefere Perspektive von Solidarität. Nach Ansicht von Tajana Minakova (Russland) genüge dazu zwar nicht ein Einzelner, aber dieser Einzelne allein sei nötig, damit künftig andere für den Stil der Gemeinschaft aktiviert werden.

Auch WiG-Leuchtfeuerprojekte wie das offene Konzept des angehenden Augsburger Unternehmensparks „The Box“ wurden von Inhaber Ludger Elfgen und Ehepaar Thomas/Christine Hüttl plastisch vorgeführt. Dort haben sich zwei Betriebe von WiG-Unternehmern zusammengetan und praktizieren Gemeinschaft u.a. in der „Cafebox“, wo etwa neben dem gemeinsamen wöchentlichen Frühstück mit befreundeten Unternehmern auch Themenabende rund um das ethische Wirtschaften stattfinden. „Die Gemeinschaft auf allen Ebenen unseres Lebens im Betrieb ist das Unterscheidungsmerkmal der WiG gegenüber allen gemeinwohlorientierten Wirtschaftsansätzen,” sagte Dr. Anouk Grevin auch in ihrem Vortrag zu den “Leitlinien für WiG-Betriebe“.

Kooperation über nationale und WiG-Grenzen hinaus

Prof. Luigino Bruno, der internationale Koordinator der WiG, spannte im zweiten 131025-27 Ottmaring 05 Palco LB KV ridHauptreferat die internationale Dimension der WiG auf und verwies auf die regionalen Herausforderungen, mit dem betrieblichen Überschuss für den Nächsten aktiv zu werden - wobei er zugleich auf den barmherzigen Samariter Bezug nahm: der Nächste könne auch geografisch entfernt sein. „Die Wirtschaft in Gemeinschaft dient nicht der Verbesserung des Unternehmens, sondern der Verbesserung der Welt.“ Sodann zeichnete er eine neue Entwicklungsphase der WiG: vom „kleinen Samenkorn“ der WiG-Gründung vor über 20 Jahren seien die ersten Blätter zu sehe, die den Weg zum Baum (der Beseitigung der Armut) anzeigen: es gehe heute um eine neue WiG-Phase 2.0, geprägt von der Erfahrung jenes Glücks, das aus der Haltung des Gebens entsteht. Daraus erwachse eine weite Offenheit und Kreativität, sich in viele vorhandene Initiativen einzubeziehen und „gemeinsam mit anderen zu handeln“. Eine konkrete Begegnung mit Vertretern des überkonfessionellen Projektes „Miteinander für Europa“ im Rahmen der Tagung eröffnete unmittelbar eine solche Perspektive für Begegnungen, um den Beitrag verschiedener christlich-charismatischer Ansätze für die Wirtschaft Europas deutlich werden lassen.

Schon vielerorts bemerkte man die Öffnung von WiG über das Unternehmersein und auch über die Fokolar-Bewegung hinaus durch eine breitere Vernetzung mit anderen Initiativen. In diesem Zusammenhang wurde der österreichische Beitrag zum „Vienna Lab“ mit großem Interesse wahrgenommen. Insbesondere in Irland, Polen und Slowenien fand die Vision von einer „WiG für alle“ besonderen Anklang und führte u.a. zur Idee, „Vienna Lab“ mithilfe des Vereins „Starkmacher“ im Rahmen eines EU-Projektes an verschiedenen Orten in Europa zu multiplizieren. Während des Kongresses entstand der Wunsch einer tieferen Vernetzung, z.B. zwischen Österreich und manchen osteuropäischen Ländern, worauf nun ein Besuch bei unseren slowakischen Nachbarn in Bratislava (inkl. Besuch eines WiG Betriebes in den dortigen Adventmärkten) im Dezember geplant ist.

„Leadlab“ sucht spezielle Antworten zu Führungsfragen

Der  WiG-Kreis „Führungskräfte“ aus Deutschland hielt unter der Überschrift "LeadLab" zwei 131025-27 Ottmaring 02 Workshop ridWorkshops ab (Ludger Elfgen, Georg Endler - deutsch, Markus Gebauer, Regina Hessler – englisch), bei denen nach einer Einführung über verschiedene Führungssituationen in der Bibel und beim Hl. Benedikt die Teilnehmer anhand konkreter Beispiele ins Gespräch kamen: Inwiefern dient das WiG-Ideal der Geschwisterlichkeit im Alltag als Führungskraft, inwiefern behindert es aber vielleicht auch. Beeindruckend, welche Tiefe in diesen zwei Stunden des Workshops zwischen Menschen, die sich kaum oder häufig gar nicht kannten, entstand. Es wurde auch deutlich, wie groß der Bedarf ist, sich auszutauschen. Anfangs gab es vielleicht eine kleine Enttäuschung, dass es kein fertiger Leitfaden "Führen im Geist des Ideals der Geschwisterlichkeit" vorlag, aber der offene Austausch brachte eindrucksvolle Beispiele zutage: Den anderen mit den Augen Gottes sehen, dem anderen, auch in kritischen Situationen mit Wahrhaftigkeit begegnen, die kritischen Dinge versuchen, im direkten Gespräch zu klären und nicht direkt - wie in einem Beispiel gefordert - an die Führungsetage melden. Aber es zeigte sich, wie viele Dinge im Führungsverhalten man erst lernen muss: Zum Beispiel zu delegieren statt davon auszugehen, dass man selbst die Dinge besser kann; sich von den Lösungen seiner Mitarbeiter überraschen zu lassen...

Im Laufe der Tagung zeichnete sich auch für den WiG-Kreis „Führungskräfte“ die künftige Arbeit ab: Mit neuem Schwung konkrete Begegnungen und Projektbesichtigungen an verschiedenen Orten anzugehen (z.B. Startups im BetaHouse Berlin), wie auch der Entwicklung einer spezifischen Führungs-Theorie Aufmerksamkeit zu widmen.

Die „5. WiG-Schulung Nordeuropa“ ist für Oktober 2014 in der Fokolare-Siedlung „Faro“ in Kroatien geplant, und für 2015 ist eine Weltversammlung der WiG in Nairobi angekündigt.

Fotogalerie „4. Schulung für Unternehmer, Führungskräfte und Freunde der WiG Nordeuropa, Ottmaring

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