Ziviltugenden kultivieren und die Beziehungen in Gegenseitigkeit: der Schlüssel zum Glück

New York: Buchpräsentation von Luigino Bruni „Wunden und Segnungen – Wirtschaft, Beziehungen und das Glück“ durch die Fordham-Universität und das Marist College

Von Elizabeth Garlow1

121017_Marist08_LB_ridMit einem wunderschönen Herbstnachmittag begrüßte New York Prof. Luigino Bruni beim Marist-College und der Fordham University zur Vorstellung seines neuen Buches ‘The Wound and the Blessing: Economics, Relationships and Happiness (Wunden und Segnungen – Wirtschaft, Beziehungen und das Glück)’. Am 17. Oktober füllten rund 100 Studenten, Dozenten und Interessierte den Hörsaal des Marist College von Poughkeepsi/NY zur Diskussion der wichtigsten Thesen des Buches von Prof. Bruni. Der Hauptakzent seines Vortrags galt den „relationalen Gütern“: Die Vorstellung, dass unsere zwischenmenschlichen Beziehungen und Gemeinschaftsbande greifbare „Wirtschaftsgüter“ sind, die höher zu bewerten und zu messen sind, als die Produktion von Gütern und Dienstleistungen. Denn Erfahrung von miteinander geteiltem Leben sei entscheidend für unser Glück, so Bruni. Eindrucksvoll entfaltete er seinen einleuchtenden wie kraftvollen Denkansatz zur Entstehung und dem Verbrauch von Gütern, die, miteinander vollzogen, zu einem Glückszustand verhelfen, der nachhaltiger wirke als jedes „Glücksgefühl“.

 

Gebannt folgte die Zuhörerschaft seinem Appell, die innere Wertekultur und die Ziviltugenden zu entwickeln, 121017_Marist05_riddie allein sicherstellten, dass den wirtschaftlichen Entscheidungen auch kontinuierliche positive Motivationen zugrunde liegen. Ausschlaggebend für unser Glück bei allen Aktivitäten und Entscheidungen seien ausschließlich unsere inneren Motivationen. Dem stimmte Robert Manning bei, Ko-Referent dieses Abends. Der anerkannte Autor und Experte für Verbraucherkreditwesen stellte die Notwendigkeit einer persönlichen Entfaltung „in Beziehung zur gesamten Gesellschaft“ heraus. Das erinnerte an die afrikanische Philosophie des  „Ubuntu“: Ich bin durch was oder wer wir sind.

Der zweite Abend hielt das Auditorium mit einem Thema in Atem, das Luigino Bruni zusammen mit Michael Baur und Russell Pearce von der Fordham University vortrug: „Warum eine moralfreie Wirtschaftstheorie nicht funktioniert. Die Sicht der Naturphilosophie in den Turbulenzen der neueren Finanzkrise.“ Bruni eröffnete den Abend mit der provozierenden Frage an das Publikum, ob eine „nicht-egoistische“ Konzeption des Marktes und des Geschäftslebens denkbar sei. Luigino Bruni hält sie für möglich: Wenn die Ziviltugenden gepflegt werden, könne der wechselseitige Nutzen im Marktgeschehen die persönlichen Interessen übertrumpfen. Zu diesen Tugenden zählten Vertrauen und Vertrauenswürdigkeit, Unabhängigkeit und Selbständigkeit, Eingehen auf die Vorlieben des anderen, Akzeptieren, dass die Mühe nicht immer belohnt wird, und die Verantwortung der eigenen Entscheidungen unabhängig vom Ergebnis.

121018_Fordham01_ridAber wie kommt man über das gängige Vorteilsdenken hinaus zur Verbreitung der Geschwisterlichkeit in der Wirtschaft? Bruni betonte, dass es einer Form von „gemeinschaftlicher Liebe“ (Agape) bedarf, die über die „Freundesliebe“ hinausgehe. Man denke an die Wirtschaft in Gemeinschaft (WiG) und die Art wie sie allen Beteiligten hilft – Unternehmern, Bedürftigen, den Projektbegeisterten, den Wissenschaftlern – ihre Rolle als Mitbürger in Beziehung zu einer größeren Gemeinschaft nach einem Set von Ziviltugenden zu verstehen. Als engagierte Bürger in einer lokalen oder globalen Gemeinde haben die WiG-Akteure aufgrund ihrer auf das Wohl der Gesamtgesellschaft bezogenen Wertepalette immer die „indirekte Reziprozität (gegenseitige Beziehung)“ im Blick. Wenn ein WiG-Betrieb seine Gewinne mit jemandem teilt, der seinerseits seine Not mitgeteilt hat, zieht sicher auch die örtliche Gemeinde Gewinn daraus und wird sich durch diesen Austausch besser entwickeln.

Baur kommentierte die Beobachtungen Brunis und schloss sich seiner Einsicht an, dass das Gemeinwohl oft vom Teilen materieller Güter ausgehe: „Nehmen wir den Wein. Das Gespräch, das zwei Leute über einem Glas Wein genießen, kann von jedem der beiden hoch geschätzt sein, auch wenn einer Wein lieber trinkt als der andere.“ Pearce betonte mit Nachdruck die Rolle des Anwalts im Kontext von sozialen Beziehungen. „Wenn Anwälte sich nicht als selbständige Akteure verstehen, sondern innerhalb eines Beziehungsnetzes, dann erfordert ein ‚beziehungsbasiertes Eigeninteresse‘ das Anstreben des beiderseitigen Vorteils und einer gegenseitigen Beziehung (Reziprozität)“. Der Abend endete mit einem intensiven Dialog zwischen Referenten und Publikum. Am Schluss nahmen alle offenbar ein neues oder besseres Verständnis dafür mit, welche Bedeutung die Reziprozität in den Beziehungen hat, ebenso wie ein mit Ziviltugenden „gesättigter“ Markt.

1Elisabeth Garlow ist Vorsitzende der Nordamerikanischen WiG-Vereinigung und leitet Michigan Corps, eine Web-Plattform für ziviles Engagement.

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