Nairobi: Ubuntu und die Ursprünge der WiG

Als Kursleiter für eine Woche in Kenia

Von Vittorio Pelligra*

120716-28_Nairobi_Cuea_04_ridIch bin auf dem Flug nach Nairobi/Kenia, zur zweiten Auflage des Intensivkurses der WiG, der in den nächsten zwei Wochen an der Katholischen Universität von Ostafrika (CUEA) stattfindet. Bei aufgehender Sonne fliegen wir über die Wüste zur Zwischenlandung nach Doha, Qatar über eine riesige, ausgedörrte Fläche,- ein Zeichen für den Kultursprung, den gerade ich unternehme. Ich werde in einem Land, das ich nicht kenne Menschen unterrichten, von denen ich nichts weiß, mit ihren Problemen, mit ihren Interessen, Ängsten und Hoffnungen. 

Da kann die Wüste ein Ort der Vorbereitung sein, wo ich meine Kategorien hinter mir lasse, meine Vorurteile, meine Wurzeln, um frei zu sein und neugierig genug, um all das Neue und Schöne aufzunehmen, das diese Erfahrung bieten kann.

Nairobi, eine riesige Metropole mit chaotischem Verkehr und den kleinen Matatu, typischen, öffentlichen Kleinbussen, pfeilschnell und scheinbar ohne Ziel. Eine Invasion waghalsiger Fußgänger quert zwischen den Autos die Straße. Es ist Sonntagabend, gerade Zeit genug, um mich bei Freunden auf die erste Lektion für den nächsten Tag vorzubereiten.

Am frühen Morgen fahre ich zur CUEA mit Charles, meinem Führer und Schutzengel. Der Campus ist 120716-28_Nairobi_Cuea_02_ridsauber und gastfreundlich, alle grüßen sich warmherzig. Wir machen zum Überblick einen schnellen Rundgang, dann ab in die Aula. Ich werde der Klasse vorgestellt und der Kurs kann beginnen. Während der Woche werden wir vieles gemeinsam tun, Vorträge, einige Versuche,- aber das Wichtigste ist, uns gründlich kennenzulernen und eine besondere Beziehung zu jedem Teilnehmer aufzubauen. Die Wurzel der WiG sind echte Beziehungen, uneigennützig, in Gegenseitigkeit, Vertrauen und Treue. Nur mit einer solchen Beziehung bekommen die Wirtschaftskonzepte eine Bedeutung jenseits der kulturellen Unterschiede und Zusammenhänge.

Die erste Lektion ist eine Vorstellung der WiG, ihrer Geschichte, ihrer  wichtigsten Merkmale und neuesten Entwicklungen. Langsam gehen wir ins Detail. Die grundlegende Idee des ersten Kursteiles, ist es zu verstehen, wie das Modell der WiG funktionieren kann - nicht nur für Auserwählte sondern für tatsächlich alle Menschen.  Diese Wirtschaftsweise fördert das Beste in jedem Menschen, denn jeder besitzt sehr viel mehr Uneigennützigkeit, Selbstlosigkeit, Vertrauen und die Fähigkeit zur Zusammenarbeit als die ökonomische Theorie wahrhaben will.  Der Markt ist in erster Linie ein Ort 120716-28_Nairobi_Cuea_01_ridder Freiheit und der Zusammenarbeit und nicht der Konkurrenz. Der gesamte Kurs wird daher zu einer Entdeckungsreise zu diesem "Überschuss". Zusammen erkunden wir in der Sprache der ökonomischen Theorie die Bedingungen für dieses „mehr“, zu dem jeder Mensch in der Lage ist, und definieren, was es erleichtert oder behindert.

Es macht mir irgendwie Eindruck, diese Mechanismen zu analysieren, die die gesellschaftlichen Gruppen zur Zusammenarbeit befähigt haben, und die herausragende Ergebnisse, Fortschritt und Wohlergehen gebracht haben:  Genau hier, ein paar Schritte entfernt vom Rift Valley, hat die Menschheit, wie wir sie kennen, ihren Anfang genommen und viele dieser Regeln das erste Mal ausprobiert und in das gemeinsame Erbe übernommen. Und heute, im selben Afrika, in Kenia, in Nairobi, leben Millionen Arme in Slums unter unmenschlichen Bedingungen,- ein sicheres Zeichen für das Versagen derselben Regeln! Ein schwer lösbarer Widerspruch, sehr präsent in den Köpfen und Herzen aller Kursteilnehmer. Also eine Gelegenheit für eine kollektive Gewissenserforschung: die Weißen, Erben der Kolonisatoren, die viele offene Wunden hinterlassen haben, und die Einheimischen, die zu oft das Gefühl haben, auf internationale Hilfe angewiesen zu sein und es aufgegeben haben, ihre Positionsbestimmung, ihre Selbstachtung und ihre Liebe zum Gemeinwohl zu finden, was die Basis für eine Wiederbelebung sein könnte.

Was mich wirklich überrascht und beruhigend ist, festzustellen, wie viel die Wirtschaft in Gemeinschaft diesem Land zu bieten hat: eine Vision und die praktische120716-28_Nairobi_Slums_01_rid Umsetzung einer Wirtschaft, die die Würde jedes Menschen, seine Großartigkeit und seine ursprüngliche Gemeinschaftlichkeit respektiert. Es gibt eine erstaunliche Übereinstimmung zwischen diesen fundamentalen Prinzipien der WiG und der Vision einer relationalen Philosophie des "Ubuntu" in dieser Gegend. Diese Botschaft begreifen hier alle, auch ich entdecke sie neu durch die  vielen Erfahrungsberichte meiner Studenten.

Am Sonntag hatte ich das Glück, in den Kibera Slum zu kommen, wo eine Million Menschen in Hütten an offenen Abwasserkanälen leben. Nur wenige Wochen zuvor war ich noch durch die Straßen von Manhattan/New York gegangen,- der Kontrast zerreißt einem das Herz. Wie nie zuvor verstehe ich die Reaktion von Chiara Lubich in São Paulo im Jahr 1991: Im Landeanflug sah sie die Stadt der Wolkenkratzer umgeben von der Armut der Favelas: Ein fast körperlicher Schmerz, ein Funke, der zu der Wirtschaft in Gemeinschaft geführt hat, ihre Antwort der Liebe. Die WiG ist die Antwort, ist es heute noch mehr, und auch meine Antwort.

Nairobi und Kenia, aber vor allem den Kursteilnehmern dieser Tage gilt mein Dank für diese Entdeckung und für ihr Engagement als echte Pioniere. Eine Avantgarde neuer Klasse wird die Entwicklung dieses Landes weiterführen, da bin ich mir sicher. Und sie wird echt sein, weil afrikanisch: mehr menschlich und sozial als materiell und individuell.

*Prof. Pelligra lehrt Wirtschaftstheorie an Universität Cagliari/Sardinien und an der Sophia-Universität in Loppiano, „Stadt der Geschwisterlichkeit“ bei Florenz. Sein Spezialgebiet Behavioral Economy und Social Economy führte ihn zur Auseinandersetzung mit dem alternativen Wirtschaftsansatz der Fokolar-Bewegung in Form der „Wirtschaft in Gemeinschaft“ (WiG) an dem sich bislang weltweit 840 Betriebe aller Art beteiligen.

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