Eine Ökonomie für Europa – Sache des Gebens

Brüssel, 12. Mai 2012  Die 250 - ökumenisch engagierten – Bewegungen und Gemeinden im „Miteinander für Europa” brachten am 12. Mai in Brüssel konkrete Vorschläge im Bereich der Wirtschaft vor: ein Stopp für an Kinder gerichtete Werbung und für Glücksspiele, eine Finanztransaktionssteuer, ausgewogene Gesetze für die soziale und zivile Ökonomie…

Von Paolo De Maina

veröffentlicht in Cittanuova.it am 13.05.2012

120512_Bruxelles_Bruni_ridBeim “„Miteinander für Europa”” durfte die Ökonomie nicht fehlen. Im Sitz des Europäischen Parlaments, an der Place de Luxembourg, im Saal Alcide De Gasperi (Mitbegründer dessen, woraus die Europäische Union entstand), versammelten sich Experten, Politiker, Unternehmer, Jugendliche und andere Staatsbürger zur Veranstaltung „Ökonomie – Sache des Gebens“. Sehr ambitioniert, denn im irren Lauf der Finanzwelt ist die Orientierung am Gemeinwohl verloren gegangen.

Hendrik Opdebeeck, Professor für Philosophie und Wirtschaftswissenschaft an der Universität Antwerpen und Mitglied des EU-Ethikrates, erläuterte zu Beginn der Arbeit in sieben Punkten das Konzept der Verantwortung verbunden mit Freiheit, Verschiedenheit, Begegnung mit den anderen: Verantwortlichkeit der weltweiten Institutionen, Rechtswesen, Grenzen der Wirtschaft und des Marktes, Globalisierung.

Die jüngsten Wahlen in Frankreich und Griechenland mit ihren diversen sozialen Spannungen werfen, wie der Dozent sagte, eine Frage auf: Zuteilung von Einkommen nach Verdienst in der Sicht des Liberalismus oder Teilhabe aller gemäß ihren Bedürfnissen nach sozialistischer Logik? In der gegenwärtigen europäischen Gesellschaft laufen die wirtschaftlichen, sozialen, rechtlichen und finanziellen Aspekte Gefahr, dass sie in egozentrischen und unverantwortlichen Strukturen national wie auf global Gestalt bekommen. Aus dieser Perspektive muss das Europa in der Krise auf ein anderes, zukunftsfähiges Paradigma schauen: die Verantwortung.

Luigino Bruni, Lehrstuhlinhaber an der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften der Bicocca-Universität in Mailand und des Universitätsinstituts Sophia in Loppiano, lieferte eine klare, ungeschminkte Analyse der aktuellen Krise, aber auch eine Antwort: die Wirtschaft in Gemeinschaft. Er verdeutlichte, dass die Ökonomie seit ihrer Entstehung auch aus den christlichen Charismen Kraft und Inspiration bezogen hat: aus den monastischen Gemeinschaften, die lebendige Testfelder zu schaffen vermochten und die erste Denkkategorien und Institutionen hervorbrachten, die die Marktwirtschaft inspirierten: „Unbestreitbar hat dabei der Humanismus, auch der christliche mit seiner caritas und seiner charis, eine entscheidende Rolle gespielt.“ Doch es geht um mehr, als einen Prozess gegen die Wirtschaft zu führen, hier sitzt die immer spekulativer werdende Finanzwelt auf der Anklagebank. Laut Bruni besteht dringlicher Handlungsbedarf, das marginalisierte öffentliche Wirken der Charismen mit ihren Aspekten Gegenseitigkeit, Gratuität/Gabe, Gemeinwohl neu aufzugreifen. Wie? Indem die Finanzwelt und die Wirtschaft an die Öffentlichkeit geholt werde, denn „es ist zu gefährlich, alles allein ihren Akteuren zu überlassen“. Es sei nötig, von den Notleidenden ausgehend die Idee eines neuen Sozialpakts zu lancieren und Vertrauen darauf zu setzen, dass die epochalen Veränderungen auch Frucht einer prophetischen Minderheit sein können, wie es sich bereits gezeigt habe. Und schließlich die Jugendlichen: Sie könnten der Wirtschaft und Finanzwelt neuen Schwung verleihen.

Aus den Vorschlägen wurden dann konkrete Aktionen definiert, die auf europäischer Ebene umsetzbar sind: ein Stopp der Werbung, die sich an Kinder richtet: sie dürfen nicht in die Hände derer geraten, die nur nach Profit streben; ein Stopp für Glücksspiele; eine Finanztransaktionssteuer oder Ähnliches, damit auch die hochspekulative Finanzwelt einen gerechten Preis zahlt; schließlich eine Stärkung der sozialen und zivilen Ökonomie in Europa, nicht zuletzt durch eine adäquate Gesetzgebung.

In Anwesenheit des Vizepräsidenten des Europäischen Parlaments, des Ungarn Laslo Surjan, Verantwortlicher für den Dialog mit den Kirchen, wurden „gute Praxisempfehlungen” für die Wirtschaft erarbeitet: Aus drei Unternehmen, einem belgischen und zwei kroatischen, wurde berichtet, wie diese Prinzipien des Gebens umgesetzt werden können im kommerziellen Austausch, wo „Investoren“, Gesellschaftern und Arbeitnehmern paritätisch Wert beigemessen wird, obwohl sie verschiedene Rollen haben. Jan De Volder von der Gemeinschaft Sant'Egidio in Belgien sprach von einem „Aufstand für die Gratutität (Uneigennützigkeit)”; Claude Matz von der Aktion für eine Geeinte Welt (AMU) in Luxemburg zog ein Resümee der konstruktiven Entwicklung, die auch durch die AMU im Laufe der Jahre möglich war.

Steven Vanackere, Vizepremierminister auf föderaler Ebene und belgischer Finanzminister, beschloss die Arbeiten, indem er einige kritische Punkte der Vorschläge ansprach, um einen noch intensiveren Dialog mit dem gegenwärtigen Wirtschaftssystem anzuregen, und forderte die Politik auf, „nicht nur Antworten, sondern richtige Antworten“ zu geben. Er wandte sich dann an Professor Bruni hinsichtlich der Bedeutung der prophetischen Minderheiten und sagte: „Dieser Saal ist eine solche.“

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