Unsere Hoffnung im Blick auf 2031

Logo_Brasile_2011_SPaolo_rid2Vortrag von Luigino Bruni zum Abschluss des Kongresses in Brasilien 29. Mai 2011

von Luigino Bruni

110529_SPaolo_Bruni_ridWir sind nach Sao Paulo zurückgekehrt, an den Ort der Initialzündung der Inspiration Chiaras, um uns hier innerlich neu zu orientieren. In der Geschichte der Völker, im Besonderen in der Geschichte des Wirkens des Geistes, sind die Orte von Bedeutung, kommt der Geografie das gleiche Gewicht zu wie der Geschichte. Wer beispielsweise das Charisma des Franziskus in seiner Tiefe verstehen möchte, der muss früher oder später nach Assisi gehen; wer Martin Luther King begegnen und ihn verstehen will, der muss unter die Afroamerikaner gehen. Das gilt ebenso für die WiG; wer sie kennenlernen und verstehen möchte, muss früher oder später in seinem Leben nach Sao Paulo kommen. Hier entstand vor 20 Jahren aus dem Blick einer Frau auf diese Stadt die WiG; heute ist sie ein Netzwerk, das immer mehr die gesamte Welt umspannt.

Wir sind hierhergekommen, um die Inspiration Chiaras neu und besser zu verstehen. Einerseits dürfen wir uns über die Früchte dieser 20 Jahre freuen, andererseits spüren wir, dass es heute eines Qualitätssprungs bedarf, einer Neuorientierung jedes Einzelnen und aller, wenn wir die Verabredung mit der Geschichte nicht versäumen wollen, indem wir unseren Blick mit Hoffnung auf 2031 richten.

Was haben wir neu verstanden, woran haben wir uns erinnert?

A.   Das kapitalistische Wirtschaftssystem bedarf einer Evolution in Richtung von etwas Neuem (und da gibt es bereits Zeichen, wenn wir sie in ihrer historischen Entwicklung zu deuten wissen): Die Umweltkrise, die Finanzkrise, das wachsende Ungleichgewicht, die zunehmende Glücklosigkeit in den reichen Ländern, all das sind Zeichen, die sehr beredt dafür sprechen, dass das kapitalistische System einer Evolution zu etwas Neuem bedarf, wobei der Markt als Ort der Kreativität und Freiheit gewahrt bleiben muss. Um jedoch die menschlichen Errungenschaften des Marktes und des Unternehmertums zu wahren, muss man über diesen Kapitalismus hinausgehen, mit dem der Hunger des Kindes nicht gestillt wird, das auf den Gehwegen unserer wohlhabenden Städte stirbt. .

B.    Uns ist klar geworden, dass die Sendung der WiG, ihre eigene Note im Konzert so vieler, die für eine menschlichere und gerechtere Wirtschaft arbeiten, im Zusammenhang mit jener Drittelung der Gewinne steht, die Chiara uns am Beginn aufgezeigt hat: neue Unternehmen, eine neue Kultur und vor allem die Armut. In besonderer Weise kann die WiG ihren Beitrag zur Verringerung des Elends und der Ausgrenzung leisten, indem sie in erster Linie die Beziehungen in der Produktion der Wirtschaft verändert: Die „Dornenkrone“ von Sao Paulo und vieler Städte wird nachdrücklich und endgültig beseitigt, wenn die Betriebe in ihrem Innern die Ausgegrenzten einbeziehen, wenn Gemeinschaft zu ihrem Leitprinzip wird, wenn Gewinnerzielung nicht mehr das alleinige Unternehmensziel ist, sondern Mittel für das Gemeinwohl, zum Wohle aller und jedes Einzelnen.

C.    Darüber hinaus ist uns klar geworden, dass die Armut kein fatales Geschick, kein endgültiges Verdammungsurteil über die Menschheit ist, sondern auch und vor allem Frucht von kranken Beziehungen, fehlgeleitet in Asymmetrien der Macht, politischer und wirtschaftlicher Entscheidungen vor Ort und global. Wenn sich das Wirtschaftssystem nicht in Richtung einer weltweiten Geschwisterlichkeit entwickelt, wenn die Unternehmen keine Gemeinschaft verwirklichen, werden Elend und Ausgrenzung in der Welt weiter wachsen, die Übermacht und die negativen Auswirkungen des Systems werden zunehmen. Die WiG nimmt sich der Armut an, indem sie die sozialen und wirtschaftlichen Beziehungen in der Produktion verändert. Das heißt sicher, dass sie die Personen verändert, aber das reicht nicht, weil wir aus der Geschichte wissen, dass man auch die Institutionen verändern muss, einschließlich jener grundlegenden Wirtschaftsinstitution, die ein Unternehmen darstellt. Es ist zwar wahr, dass die Ideale durch Personen entstehen, doch diese Ideale als solche leben und wachsen im Laufe der Zeit mit den Institutionen, die selbst aus diesen Idealen entstanden sind. Während wir in unseren Entwicklungsprojekten, die vor allem durch die Nichtregierungsorganisation AMU vorangebracht werden, Menschen und Bedürftige ins Auge fassen (das wollen wir, und darin müssen wir immer besser werden), ist parallel dazu die ganze WiG im Einsatz, um die Unternehmen und Institutionen zu verändern. So werden eines Tages – und davon träumen wir mit wachen Augen – unsere Entwicklungsprojekte überflüssig werden, wenn eine Wirtschaft in Gemeinschaft auf breiter Ebene die Ursachen der fehlgeleiteten Beziehungen ausgemerzt haben wird, von der die Situationen der Armut und Bedürftigkeit größtenteils abhängen. In diesen Tagen haben wir daran erinnert, dass Chiara die Favelas von Sao Paulo neben den Wolkenkratzern sah. Sie startete nicht, wie man es aus menschlicher Logik auch hätte erwarten können, ein Sozialprojekt in den Stadtrandgebieten von Sao Paulo (solche Projekte gab es Gott sei Dank bereits und gibt es bis heute, auch seitens der Fokolar-Bewegung). Angesichts dieser Favelas forderte Chiara dazu auf, dass neue verschiedene Betriebe in einem Gewerbepark in der Nähe von Sao Paulo in der Fokolar-Siedlung Aracoeli entstehen sollten. Dem lag die Intuition zugrunde, dass es ohne eine Veränderung der Unternehmen, die die Kerninstitution der Markwirtschaft sind, nicht möglich sein würde, diese Favelas von Sao Paulo und des Kapitalismus zu beseitigen.

D.    Schließlich haben wir daran erinnert und uns neu zu Herzen genommen, dass auch heute in einer Wirtschaft, die das Kapital der Finanzen und der Technik allzu sehr überbewertet, die WiG weiß und behauptet, dass das vorrangige grundlegende Kapital im Unternehmen und in der Wirtschaft die Menschen sind. In der Kreativität, in der leidenschaftlichen Hingabe der Menschen liegt der Unterschied, wie Reichtum erzeugt wird, der Erfolg von Unternehmen und Gemeinschaften. Mehr als gestern gilt heute, dass es ohne „neue“ Frauen und Männer keine menschliche, wirtschaftliche und soziale Erneuerung gibt. Deshalb ist heute die Formung von „neuen“ Frauen und Männern als Element der WiG und seines Humanismus mit von wesentlicher Bedeutung. Darüber hinaus wissen und sehen wir jeden Tag, dass die Protagonisten des Wirtschaftslebens, die Arbeitnehmer und Unternehmer, für ihre Ethik und ihr Berufsleben ihre Energien auch und vor allem außerhalb der Unternehmen schöpfen: in den Familien, im gesellschaftlichen Leben. Da findet sich jene Nahrung, die auch den Erfolg der Unternehmen nährt. Darüber ist die WiG sich sehr im Klaren und weiß, dass sich, wenn ihre Protagonisten den Kontakt mit den zivilen Gemeinschaften, wozu auch die Fokolar-Bewegung gehört, verlieren sollten, die Quellen des Lebens versiegen würden, von denen auch der Erfolg der Unternehmen abhängt. Die WiG ist deshalb zugleich ganz ökonomische Realität, aber auch ganz eine größere Wirklichkeit der Ökonomie. Sie schöpft ihre Kraft, um nicht zu wanken und vorwärts zu gehen, vor allem aus den Prüfungen und Schwierigkeiten, an denen es in diesen 20 Jahren nicht gemangelt hat und die nie fehlen werden, weil sie Leben sind, vor allem in den Gemeinschaften rings um sie. Wehe uns, wenn wir diesen vitalen Kontakt verlieren sollten, denn dann würde uns das gleiche Schicksal treffen wie Antaeus im Ringkampf mit Herkules. Aus dem Mythos um Antaeus, Sohn der Mutter der Erde (Gaia), wissen wir, dass jedes Mal, wenn der überstarke Herkules ihn mit Gewalt zu Boden warf, um ihn zu töten, weil Antaeus ein Sohn der Erde war, in ihn neue Kraft aus der Erde einströmte und er stärker wurde. Erst als Herkules ihn in die Höhe hob, schaffte er es, ihn zu besiegen. Das gleiche traurige Los würde unsere Unternehmen und die gesamte WiG ereilen, wenn wir den Kontakt mit den Gemeinschaften verlieren würden, mit all jenen Menschen, die mit uns leben, um einer brüderlichen Welt Leben zu geben, was auch Eure Präsenz heute sichtbar macht.

Zum Schluss: Die WiG stützt ihre Hoffnung im Blick auf 2031 und darüber hinaus auf unseren anthropologischen Grundansatz: die Sicherheit, gestärkt durch das Leben, dass jeder Mensch eine tiefe Berufung zur Gemeinschaft in sich trägt, zu lieben und geliebt zu werden. Chiara hat das in einem ihrer ersten Gedanken zur WiG so beschrieben: „Der Mensch ist als Abbild Gottes geschaffen, der Liebe ist. Der Mensch findet seine volle Verwirklichung gerade dann, wenn er liebt, wenn er gibt, ob er an Gott glaubt oder nicht.“ Aufgrund dieser tiefen Berufung zur Gemeinschaft blüht das persönliche und gemeinschaftliche Leben nur in Gemeinschaft auf; man findet zum persönlichen und öffentlichen Glück nur im Innern von Beziehungen, die von der Gemeinschaft geprägt sind.

Die WiG ist entstanden und entsteht jeden Tag aus einem Charisma: Auch aus diesem Grund besteht eine tiefe Verbindung zwischen der WiG und der jungen Generation. Die Charismen und die Jugendlichen haben nämlich gemeinsam die Hoffnung, den Glauben an die Zukunft, an die großen Projekte und Ideale. Deshalb widmen wir den Jugendlichen, ihrer Botschaft „Von Sao Paulo in die Welt“ die Schlussworte dieser 20-Jahrfeier der WiG an.

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