Als WiG-Unternehmer im Schmelztiegel

Logo_Brasile_2011_rid2Panel 1 „ Unternehmer und Geschäft“, 26. Mai 2011.  Vollständiger Text der Präsentation von John Gallagher, Professor für Management an der US-Universität von Maryville/Tennessee

Als WiG-Unternehmer im Schmelztiegel

Von John Gallagher

110526_Ginetta_GallangherEinleitend möchte ich einige Bemerkungen machen zur Zukunft und Vision der WiG, indem ich mich zunächst auf den Unternehmer konzentriere. Die Herausforderungen, denen sich ein Unternehmer stellen muss, sind in gewisser Weise die gleichen wie für  die WiG. Der Unternehmer hat eine einzigartige soziale Position. In ihrem wunderbaren neuen Buch sprechen Thomas Masters und Amy Uelmen über die Spiritualität der Einheit in den Vereinigten Staaten (vgl. Besprechung auf focolare.org/de). An einer Stelle sagen sie, dass „die Fokolare-Mitglieder Schulter an Schulter mit Familien, Freunden und Nachbarn in einem Stadtviertel, einer Stadt oder auf dem Lande leben und dabei vollständig eingetaucht sind in die Herausforderungen des täglichen Lebens…“!1

Neben Familie, Freunden und Nachbarn befindet sich der Unternehmer der WiG in direktem Kontakt mit Angestellten, Kunden, Lieferanten, Beratern, Konkurrenten und anderen, umgeben von den Herausforderungen, die das tägliche Leben mit sich bringt. Dieser Unternehmer hat aber eine Last der Verantwortung übernommen, die ein Nicht-Unternehmer nicht zu bewältigen hat. Dies soll in keiner Weise ein Werturteil sein, sondern ist eine Beobachtung aus Erfahrung.  Ich möchte nicht den Unternehmer oder seine Verantwortung als wichtiger bezeichnen als alle anderen Formen von Verantwortung. Ich möchte einfach betonen, dass ein Unternehmer mit seiner Entscheidung, ein Unternehmen zu gründen und einen Handel zu etablieren, konkret soziale Verantwortung übernimmt in allen Kontaktbeziehungen, die mit der Geschäftstätigkeit zusammenhängen. Der Unternehmer übernimmt natürlich persönlich Verantwortung für das Geschäft selbst. In meiner Sicht bring ihn das in eine Art Schmelztiegel, wo er ganz anders geformt wird als durch andere Lebensweisen und -entscheidungen oder andere Berufungswege.

Wie erwähnt sind Angestellte, Kunden, Mitbewerber, Debitoren, Investoren, Berater, Familien, Freunde, die Ortsgemeinde, die Region und der Staat mit in diese Beziehungen einbezogen. Er trägt zudem Verantwortung für das Unternehmen und muss seine Entscheidungen auch sorgsam im Blick auf die Zukunft und den Erhalt der Firma treffen.

Allen Unternehmenswagnissen ist gemeinsam: damit ist eine bestimmte Zahl von Verpflichtungen verbunden. Im Falle des WiG-Unternehmers hat dies aber zwei wichtige Konsequenzen. Erstens gibt es eine lange Tradition an Wissen und praktischer Erfahrung, wie man zum erfolgreichen Unternehmer werden kann. Wir kennen die Mechanismen eines Unternehmens, ihre Geschäftsabläufe und Finanzen, und in unserem globalen Wirtschaftssystem sind die Methoden der Unternehmensführung überall ähnlich und weltweit verbreitet. Aber es gibt ein echtes Problem im Zentrum jedes nach besten Wirtschafts- und Managementkriterien ausgerichteten Unternehmens, es ist die Frage nach der Instrumentalisierung, nämlich: Was ist der fundamentale Zweck des Unternehmens? Nach der heute dominierenden Ansicht ist Zweck eines Unternehmens, die Shareholder (Aktionäre und andere Miteigentümer - d.Ü.) zufriedenzustellen. Das führt aber dazu, dass alle Seiten eines Unternehmens inklusive der großen Mitarbeiterschar instrumentalisiert werden für das Interesse einer sehr kleinen Gruppe, den Shareholders. Alle die mit dem Unternehmen zu tun haben, Angestellte, Kunden, Lieferanten, Konkurrenten werden somit zu Mitteln, um deren Interessen zu erfüllen, und dies läuft normalerweise auf Profitmaximierung hinaus.

Dieser Sicht des Shareholders widerspricht in gewisser Weise die des Stakehoulders , wonach der Zweck eines Geschäftes weit über die engen Interessen der Aktionäre hinausgeht und auch eine weite Interessenpalette umfasst, etwa auch die Interessenträger innerhalb des Unternehmens. Diese Sicht öffnet wenigstens die Chance, die legitimen Bedürfnisse und Vorstellungen all derer zu berücksichtigen, die mit dem Unternehmen verbunden sind. Letztendlich enthält auch diese Sicht des Unternehmens eine instrumentelle Sicht und die Menschen bleiben nur ein Mittel zur Erzielung anderer Zwecke.

Ein zweiter Aspekt: neben der herkömmlichen Management-Theorie gibt es im Augenblick kein großes Interesse an Glaube und Spiritualität am Arbeitsplatz. Anscheinend beschränkt es sich auf das Thema „religiöse Freiheit“, insoweit entweder ein Unternehmen seinen Angestellten eine unterschiedliche religiöse Traditionen und Praxis erlaubt, oder die Verpflichtung auf bestimmte „religiöse Werte“ vermeidet. Die einen verlangen, dass der Arbeitsplatzt komplett säkular gehalten werden solle, andere hingegen behaupten, es gebe spürbare Vorteile, wenn im Glauben fußende Werte auf der Arbeit gelebt werden.  Das Problem mit diesen Überzeugungen ist aber, dass leider in den meisten Fällen Religionsfreiheit, religiöse Werte, Glaube und Spiritualität wieder zum Zweck im Dienste des Unternehmenszieles werden. In den meisten Fällen läuft das auf die zentrale Frage hinaus: Würde Spiritualität ein Unternehmen erfolgreicher machen und mehr Profit einbringen oder nicht?

Der Unternehmer eines WiG-Betriebes hat also nicht nur eine Reihe von Verantwortung für eine breitere Gemeinschaft und Gruppe von Menschen übernommen, er muss auch mit der Herausforderung der Instrumentalisierung fertig werden. Für einen Unternehmer der WiG gilt: Nicht der Mensch muss dem Geschäft dienen sondern das Unternehmen muss dem Menschen dienen. Und nicht die Spiritualität dient dem Unternehmen, sondern das Unternehmen muss der Spiritualität dienen.

Diese Herausforderungen bilden die Feuerprobe der WiG-Unternehmensführung. Für die meisten der WiG-Unternehmer formt sich ihre Geschäftspraxis, bilden sich ihre Entscheidungen, ihre Prinzipien in diesem Schmelztiegel, das bestätigen ihre tagtäglichen Erfahrungen. Der WiG Unternehmer wird sicher oft mit diesen Fragen, Problemen, Schwierigkeiten und Situationen ringen, zu denen es keine fertigen Lösungen und Antworten gibt. Daher ist das Ausbilden eines WiG-Unternehmers von vitaler Bedeutung für die Zukunft der WiG. Es genügt einfach, nicht Leute zu ermutigen, Unternehmer zu werden. Wir müssen lernen in diesem Schmelztiegel zu leben.

Ein wichtiger Teil dieser Ausbildung ist das Aufstellen und das ständige Suchen nach Richtlinien und guten Management-Lösungen. So werden sich der Reichtum und die Weisheit der WiG erweisen. Trotzdem muss man mit viel Achtsamkeit vorgehen. Will man diese Unternehmer ausbilden, kann es nicht Sinn der Sache sein, ihnen eine bestimmte Menge von festgelegten Richtlinien mitzugeben, die man in bestimmten Situationen anwenden kann. Vielmehr sollten sie zur ständigen Entwicklung und Reifung des Unternehmers beitragen. Ziel ist nicht eine Reihe von Prinzipien oder Richtlinien, die das Leben im jeweiligen gegenwärtigen Augenblicks erübrigen. Es ist nicht gut, das, was in einem bestimmten Augenblick aus Liebe entschieden werden müsste durch „allgegenwärtige Richtlinien“ zu ersetzen.

Sinn der Richtlinien ist es, ständig im Gespräch zu bleiben über die Herausforderungen, die der Schmelztiegel mit sich bringt. In Nord-Amerika jedenfalls wissen die WiG-Unternehmer dies. Sie wissen, dass sie ihre Erfahrungen weitergeben und mitteilen müssen, was sie im Alltag bewegt; sie besprechen grundsätzlich alle die Dinge mit jemanden gemeinsam.

Was die Vision für die Zukunft anbetrifft, gibt es zwei wichtige Punkte, die sich an die übergeordnete Notwendigkeit der Ausbildung anschließen. Der erste Punkt hat mit der jüngeren Generation zu tun, der nächsten Generation von WiG-Unternehmern und beim zweiten geht es um die Identität der WiG: was sind die typischen Merkmale eines WiG Unternehmens? Was bedeutet es, „zu einem Unternehmen der WiG zu gehören“, was heißt „teilhaben an“ der WiG?

Zuerst zur jüngere Generation. Sie muss in diese Gespräche in den nächsten 20 Jahren mit eingeschlossen werden, da in den nächsten 20 Jahre die Unternehmen an diese Generation übergeben wird. Was wird mit diesen Unternehmen passieren? Werden sie an diese Generation weitergegeben werden? Und wie? Die Frage der Unternehmensfortführung ist ein gutes Beispiel welchen Herausforderungen die WiG-Unternehmer sich stellen müssen.

Die zweite Frage nach der Identität: Ich habe an WiG-Treffen teilgenommen, wo man gerade darüber debattierte,  was genau ein WiG Unternehmen ausmacht. Es gibt zwei Extreme: Der eine Fall ist der, wo der Eigentümer, der Unternehmer, sein Leben lang seine Erfahrung gemacht und seine Prägung erhalten hat in der Spiritualität der Einheit, im Fokolar. Wenn so jemand sich entscheidet, ein Unternehmen zu gründen, tut er oder sie es in der Art und Weise, wie sie gelebt und ihr tägliches Leben gemeistert haben, und das schon seit vielen Jahren.

 Andere sehen die WiG als „Eingangstor“ für Geschäftsleute, für gut ausgebildete Unternehmer, die aber keine lebenslange Erfahrung in dieser Spiritualität besitzen. Sie sind neugierig und angezogen von der Spiritualität, wenn sie sie kennenlernen. Diese Unternehmer führen ihr Unternehmen vielleicht sehr gut, könnten aber Schwierigkeiten haben, was den spirituellen Aspekt anbetrifft.  Wieder andere folgen der Spiritualität getreu, finden es aber schwierig, sie in die Unternehmenspraxis umzusetzen und ihr Unternehmen damit aufrechtzuerhalten.

Lassen Sie mich eine Geschichte erzählen. Vor einem Jahr hatte ich ein Gespräch mit einem Universitäts-Studenten, der eine sehr gute, scharfsinnige Arbeit darüber geschrieben hatte wie ein großer Multinationaler wie die Nestlé AG einfach ein WiG Unternehmen werden könne. Nestlé ist einer der größten und vielfältigsten weltweiten Firmen, sicherlich keine risikoarme Unternehmung. Gleichzeitig ist es ein Unternehmen, dessen Praxis immer wieder ethische und moralische Fragen aufgeworfen hat. Aber dieser Student argumentierte, das ein WiG-Unternehmen die folgenden drei Kriterien erfüllen müsse: Einen Teil seines Profits den Bedürfnissen der Armen zu widmen, einen Teil seines Profites der Verbreitung und Entwicklung einer Kultur der Gemeinschaft und einen Teil des als Re-Investment ins Geschäft. Nestle investiert sicherlich ins eigene Unternehmen. Nestle gibt auch eine hübsche Summe für Entwicklungshilfe und andere Wohltätigkeitsprojekte aus. Wenn Nestle nun ein Coaching-Institut gründen werde, wo die Angestellten in den Tugenden des Profit-Re-Investment geschult würden und in Philanthropie, dann könne Nestle ein WiG- Unternehmen werden.

Ich habe dem Studenten nicht zugestimmt, und ich würde es auch heute nicht tun, aber seine Argumentation führt uns zu einer wichtigen Frage. Sicher ist die WiG ein konkreter Ausdruck der Spiritualität der Einheit in der Wirtschaftswelt. Das bedeutet, die WiG ist eine Gelegenheit für in der Fokolare-Spiritualität geformte Menschen, diese im alltäglichen Leben zu praktizieren. Kann sie aber zur gleichen Zeit auch einen Zugang für Menschen bieten, die von der dominierenden Wirtschaftskultur geprägt sind, um zur Spiritualität zu gelangen?
Ich glaube, das prinzipiell unsere Antwort „Ja“ sein müsste, weil wir wissen, wie Gott auf viele unterschiedliche Weisen in unserem Leben wirkt. Manchmal ist es durch eine sanfte Weise der Gebetsvermittlung in unserem Interesse, während wir uns um die weltlichen Dinge kümmern, wie beispielsweise bei Monika und ihrem Sohn Augustinus. Für andere könnte es ein „Blitzschlag“ sein, wie ihn Saulus von Tarsus erlebte. Die Frage ist: kann die WiG  „ein Weg nach Damaskus“ sein für Unternehmer, die nicht von der Spiritualität geprägt worden sind?

Aus all diesen Gründen müssen wir einen bewussten, strukturierten und ständigen Austausch pflegen. Und die jüngere Generation muss darin einbezogen werden. Unternehmensrichtlinien und Aufzeichnungen über gute Managementpraktiken machen diesen Austausch manifest und nachvollziehbar. Gleichzeitig sind sie der konkrete „Ort“, wo diese Gespräche ständig in Bewegung gehalten werden.

1 Thomas Masters and Amy Uelmen. 2010. Focolare: Living a Spirituality of Unity in the United States. New City Press, Hyde Park, NY. Page 126

2 Helen J. Alford, O.P., and Michael J. Naughton. 2001. Managing as if Faith Mattered. University of Notre Dame Press, South Bend, IN.

Folgen Sie uns:

Rapporto Edc 2017

Rapporto Edc 2017

DOKUMENTEN HERUNTERLADEN

DOKUMENTEN HERUNTERLADEN

Le strisce di Formy!

Le strisce di Formy!

Conosci la mascotte del sito Edc?

Wer ist online

Aktuell sind 595 Gäste und keine Mitglieder online

© 2008 - 2018 Economia di Comunione (EdC) - Movimento dei Focolari
creative commons Questo/a opera è pubblicato sotto una Licenza Creative Commons . Progetto grafico: Annette Löw - webmaster@edc-online.org.

Please publish modules in offcanvas position.

Diese Website verwendet Cookies, auch von Drittanbietern, um die Nutzung zu erleichtern. Wenn Sie diesen Hinweis schließen, stimmen Sie der Verwendung der Cookies zu.