WiG: Eine prophetische Minderheit

Interview mit Stefano Zamagni (Antonella Ferrucci) vom 8.3.2011

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Herr Prof. Zamagni, am 29.5.2011 feiert die WiG ihren 20. Geburtstag. Sie waren und gelten als einer, der die Idee der WiG sehr schätzt und von ihr überzeugt ist. Können Sie sich daran erinnern, wann Sie das erste Mal von der WiG hörten?

Ich hörte zum ersten Mal von der WiG, als Luigino Bruni, damals noch ein junger Doktorand, für ein Interview zu mir kam. Er benutzte diesen Begriff, der mich anfangs völlig überraschte.

 

 

Aber als ich später Chiara Lubich traf und merkte, dass ich nicht nur einer Person gegenübersaß, die eine Inspiration hatte (inspirierte Personen gibt es heute viele), sondern einer prophetischen Person, begann ich, das Projekt ernsthaft in Betracht zu ziehen.
Ich war tief davon getroffen, eine Person, die kein Wirtschaftswissenschaftler ist, in einer solchen Einfachheit - der gleichen Einfachheit des Kindes, von der das Evangelium erzählt - von der Möglichkeit sprechen zu hören, ein Modell wie die WiG ins Leben zu rufen. Das hat mich tief beeindruckt – viel mehr, als wenn mir das Projekt durch einen Wirtschaftsexperten vorgestellt worden wäre. Ab diesem Zeitpunkt begann ich über die tatsächliche Bedeutung dieser Erfahrung nachzudenken. Wenn ich mich richtig erinnere, dann geht mein erster Beitrag zu diesem Thema bis in die Jahre 1998 – 1999 zurück, als die WiG nicht einmal die Hälfte seiner 20 Jahre hinter sich gebracht hatte.

Denken Sie, dass die WiG tatsächlich eine Hoffnung in der Krise der heutigen Wirtschaftswelt sein kann? Wenn ja, warum?

Die WiG ist ein Beispiel, sicher nicht das einzige aber ein sehr bedeutendes, für das was wir in der Spieltheorie die « prophetischen Minderheiten » nennen. Um bestimmte Ziele von Zivilisation und moralischem sowie wirtschaftlichem Fortschritt zu erreichen, ist immer eine zahlenmässige Minderheit notwendig, die als Katalysator und auch als Indikator für das Ziel dient, das man erreichen will. Wenn also diese prophetische Minderheit bestimmte Bedingungen in ihrem Handeln erfüllt, wird ihre Botschaft von den anderen wahrgenommen und führt zu jener langsamen aber ständigen Veränderung, die die Gesellschaft vorwärtsbringt. So war es z.B. im 15. Jhdt. als, in einem völlig anderen Kontext, die franziskanische Schule eine analoge Rolle spielte. Die Franziskaner waren damals eine prophetische Minderheit und wir wissen, was daraus entstanden ist. Aber auch schon davor, wenn wir noch weiter in der Zeit zurückgehen, kann man dasselbe von der benediktinischen Bewegung sagen. Als Benedikt von „Ora et labora“ sprach, gab es sehr wenige, die diesen Ausdruck verstanden und seinen Wert erkannten. Tatsächlich verstanden ihn viele nicht, aber bereits nach wenigen Jahrzehnten hat die benediktinische Bewegung ganz Europa erfasst und jenen Aufbruch gebracht, von dem wir alle wissen. Die Geschichte ist voll von prophetischen Minderheiten, die das vorherrschende soziale Gleichgewicht durchbrechen und – um noch stärkere Worte zu gebrauchen – den Schleier zerreissen, um allen zeigen, dass eine andere Richtung möglich ist. Wer sagt: „die Betriebe der WiG werden die Welt nicht ändern, weil sie wenige sind“ sagt einen Unsinn, denn die Betriebe der WiG müssen wenige sein, wehe wenn sie dominant würden, denn ihre Rolle liegt nicht in der Masse, aber in ihrer Fähigkeit, den anderen, die vielleicht gar nicht gläubig sind, eine andere Art der Wirtschaft zu zeigen. So wie damals die Franziskaner nicht erwarteten, dass alle Unternehmer Franziskaner würden und die Regel annähmen, aber wenn es nicht jenen Kern gegeben hätte, wäre weder der Humanismus noch die Renaissance möglich gewesen. Die WiG hat heute eine analoge Rolle inne.
Anstatt sich ständig darüber zu sorgen, wie man die Anzahl der Unternehmen erhöht, sollte man sich darauf konzentrieren die Qualität, das heißt die prophetische Präsenz der Unternehmer zu verbessern.

Sie werden an den Feierlichkeiten zur 20-Jahr Feier der WiG im Mai in Brasilien teilnehmen. Was denken Sie, sollten unsere Ziele für die nächsten 20 Jahre der WiG sein?

Ich würde sagen, wir sollten uns die Allegorie der zwei Pferde von Platon zu Herzen nehmen. Platon sagte „die Ackerfurche wird gerade sein, wenn die zwei Pferde, die den Pflug ziehen, sich mit der gleichen Geschwindigkeit fortbewegen.“ Zur WiG würde ich sagen: Sorgt euch darum, dass die zwei Pferde mit dem gleichen Tempo nebeneinander laufen. Das erste der zwei Pferde steht für den ökonomischen Begriff der Effizienz, d.h. die Fähigkeit, auf dem Markt ohne Unterstützungen zu bestehen. Das andere Pferd hingegen symbolisiert die Geschwisterlichkeit, d.h. die Umsetzung des Prinzips der Gegenseitigkeit im wirtschaftlichen Handeln. Wenn die WiG es schafft, die zwei Pferde zusammen zu halten, dann ist das Spiel gewonnen, sie wird zu einer prophetischen Minderheit und die Auswirkungen werden sichtbar werden. Wenn wir aber z. B. dem Pferd der Effizienz (Wirtschaftlichkeit) erlauben, schneller zu laufen und die Geschwisterlichkeit vernachlässigen, verfallen wir der Gefahr, alles für das Streben nach Effizienz zu opfern. Wenn das passiert, kann uns jemand fragen: „Wozu brauchen wir das?“. Aber es gilt auch das Gegenteil. Wenn das Pferd der Geschwisterlichkeit vorausläuft, und das der Wirtschaftlichkeit links liegen lässt, kommt man auch nicht voran. Die Unternehmen müssen strategisch und finanziell unabhängig sein, um innerhalb des Marktes agieren zu können. In dem Moment, in dem diese Unternehmen gezwungen sind, sich in die Defensive zu begeben, um voranzukommen, oder sich Forderungen Dritter beugen müssen, verlieren sie ihre prophetische Aufgabe, und auch das brauchen wir nicht. Aus diesem Grund sollten wir uns Platons Allegorie zu Herzen nehmen, Platon verstand etwas davon.

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